| |
Im Zeichen des Konzils – die Zeit in Münster
(1963-1966)
Aus: Hansjürgen Verweyen, Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.,
Die Entwicklung seines Denkens (
Fünftes Kapitel) |
Aus zwei verschiedenen Perspektiven
soll in diesem Kapitel ein Zugang zum Verstehen von Ratzingers späterem Denkweg
vorbereitet werden. In einem ersten Abschnitt versuche ich, seine damalige
Sicht des Verhältnisses von Schrift und Tradition anhand seines Kommentars zum
zweiten Kapitel der "Dogmatischen Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum" nachzuzeichnen. Im darauffolgenden
Abschnitt möchte ich im Blick auf den Verlauf des Zweiten Vatikanischen Konzils
selbst und dessen unmittelbare Nachgeschichte einige Gründe für jene
gefährliche Polarisierung benennen, die die katholische Theologie in den
letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wie schließlich auch die öffentliche
Diskussion um Joseph Ratzinger in dieser Zeit bestimmt hat.
Dei Verbum aus der Sicht Joseph Ratzingers
Spätestens seit der Reformation ist
die Frage nach dem rechten Verhältnis von Heiliger Schrift und Tradition zum
Grundproblem der Kirche(n) geworden. Diese Tatsache spiegelt sich auch in der
Entstehung der "Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei
Verbum" (abgekürzt: DV) wieder. Vom Anfang bis zum Ende des Konzils
wurde hart um die Gestaltung besonders der ersten drei Kapitel gerungen. Einen
Monat nach Beginn (11. Oktober 1962) zog Papst Johannes XXIII. den äußerst
restaurativ gehaltenen und von einer großen Mehrheit der Konzilsväter
zurückgewiesenen Textentwurf "Über die Quellen der Offenbarung [nämlich
Schrift und Tradition]" nach einer Abstimmungspanne persönlich zwecks
Neubearbeitung zurück. Knapp zwei Monate vor Abschluß des Konzils (8. Dezember
1965) wurde auf Intervention Papst Pauls VI. ein Satz in den Schlußabschnitt
von Artikel 9 aufgenommen, der dem gesamten Text eine zumindest leichte
Rückwendung in Richtung auf den ersten Entwurf gibt.
In seinen "Erinnerungen"
von 1998 hat Ratzinger selbst unterstrichen, mit welchem Engagement (im
Endeffekt aber doch geringem Erfolg) er sich auf dem Konzil um eine ausgewogene
Formulierung der ersten Kapitel bemüht hatte (vgl. 1998a, 106. 128-132). Hier
geht es vor allem um ein Problem, das Ratzinger schon seit seinem
Theologiestudium bewegt hat: Wie läßt sich die hermeneutische Basis für die
Beziehung zwischen Schrift (bzw. Schriftauslegung) und Tradition näher
bestimmen? Für diese Frage ist das zweite Kapitel von Dei Verbum,
"Die Weitergabe der göttlichen Offenbarung", von besonderem Gewicht.
Ich konzentriere mich im Folgenden auf einige im Kommentar Ratzingers zu diesem
Kapitel betonte Sachprobleme und übergehe dabei die Angaben zum Verlauf der
Diskussion während des Konzils, soweit diese nicht zur Klärung seiner eigenen
Position wichtig sind.
Ratzinger betont, daß bei der
Abfassung des zweiten Kapitels die Gedankenführung fortgesetzt wurde, die schon
im ersten Kapitel, "Die Offenbarung", den Neuaufbruch gegenüber dem
Ersten Vatikanischen Konzil erkennen ließ: Offenbarung ist Selbstmitteilung
Gottes im lebendigen Dialog mit den Menschen, keine bloße Promulgation von
Lehren und Vorschriften, denen gegenüber der Glaube zu einem bloßen
Für-wahr-halten von Gesetztem verkümmert.
"Für die Frage der Überlieferung ist damit ein
wesentlich neuer Ansatzpunkt geschaffen, denn wenn der Ursprung der
Überlieferung, das, was am Anfang steht und weitergegeben werden muß, nicht ein
promulgiertes Gesetz ist, sondern die Kommunikation in der geschenkten Fülle
Gottes, dann muß auch Weitergabe etwas anderes bedeuten als vorher" (1967,
516).
Im Hinblick auf das Verhältnis von
Schrift und Tradition ergibt sich aus dieser neuen Sicht, daß Offenbarung ein
Gesagtes und Ungesagtes umfassendes Geschehen ist, "das die Apostel […]
nicht völlig ins Wort zu bringen vermögen, sondern das sich in der gesamten von
ihnen gesetzten Wirklichkeit christlicher Existenz niederschlägt, die abermals
den Rahmen des zu ausdrücklicher Rede Gewordenen weit überschreitet"
(ebd.). Es geht – anders als auf dem Konzil von Trient – nicht mehr um
Traditionen im Plural, um das Festhalten an bestimmten kirchlichen Riten und
Gebräuchen, sondern um Tradition als einen lebendigen Prozeß der Bezeugung
eines Ursprungs, der sich nicht in einer ein für allemal niedergelegten Gestalt
fixieren läßt. Das Zweite Vatikanum hat zu diesem Verständnis zurückgefunden,
"aber die satzhafte Auffassung von Überlieferung und die daraus folgende
quantitative Betrachtungsweise blieben bis zuletzt daneben als Sprengstoff
bestehen" (ebd. 518).
Auf dieser Grundlage übt Ratzinger
bei der Kommentierung des achten Artikels scharfe Kritik in zwei Richtungen.
(1) Am Ende des ersten Absatzes dieses Artikels "wird (Tradition) mit dem
Sein und mit dem Glauben der Kirche identifiziert und so definiert" (vgl.
ebd. 519)[1].
Ratzinger bedauert, daß man nicht dem vor allem durch den US-amerikanischen
Kardinal [Albert G.] Meyer vorgebrachten Einwand Raum gegeben habe,
"Tradition müsse […] nicht nur affirmativ, sondern auch kritisch
betrachtet werden; für diese unerläßliche Traditionskritik stehe als Maßstab
die Heilige Schrift zur Verfügung, auf die daher Tradition immer wieder zurückzubeziehen
und an der sie zu messen sei" (ebd. 519f). Zusammenfassend stellt er fest:
"Das Vaticanum II hat in diesem Punkt
bedauerlicherweise keinen Fortschritt gebracht, sondern das traditionskritische
Moment so gut wie völlig übergangen. Es hat sich damit einer wichtigen Chance
des ökumenischen Gesprächs begeben; in der Tat wäre die Herausarbeitung einer
positiven Möglichkeit und Notwendigkeit innerkirchlicher Traditionskritik
ökumenisch fruchtbarer gewesen als der durchaus fiktiv zu nennende Streit um
die quantitative Vollständigkeit der Schrift" (ebd. 520).
(2) Auf der anderen Seite
verteidigt Ratzinger den bereits von den Konzilsvätern heiß diskutierten
zweiten Absatz von Art. 8, in dem der dynamische Charakter der Tradition
herausgestellt wird[2].
Er streicht heraus, "daß das Voranschreiten des Wortes in der Zeit der
Kirche nicht einfach als eine Funktion der Hierarchie angesehen wird. […] In
diesem Verstehensvorgang, der die konkrete Vollzugsweise der Überlieferung in
der Kirche darstellt, bildet der Dienst des Lehramtes eine Komponente (und
zwar, von seinem Sinn her, eine kritische, nicht eine produktive); aber er ist
nicht das Ganze" (ebd. 520). Mit bemerkenswerter Schärfe wendet sich
Ratzinger gegen die nach dem Konzil insbesondere von dem protestantischen Theologen
Oskar Cullmann erhobene Kritik. Dem von Cullmann betonten Gegenüber von Schrift
und Kirche hält er den "heutigen Stand der hermeneutischen Frage"
entgegen (vgl. ebd. 522). Im Hinblick auf die geäußerten Bedenken wichtig sei
auch, daß die Schlußpassage von Art. 8 "die Funktion der Tradition ganz
auf die Schrift rückbezogen sieht […]. Des weiteren ist Tradition beschrieben
als der Vorgang, kraft dessen 'Litterae' [die Schriften] 'colloquium' sind.
Diese Doppelbeschreibung der Tradition zeigt sie gänzlich in Funktion zur
Schrift hin, sie weist freilich zugleich die Schrift in den Raum von
Überlieferung ein" (ebd. 523). Dieselbe Interpretationslinie wird auch in
dem ausführlichen Kommentar zu Artikel 9 verfolgt (ebd. 523-526).
Fraglich bleibt allerdings, ob
Ratzingers mehrfach betonte Position, Tradition werde auf diesem Konzil
"gänzlich in Funktion zur Schrift hin" verstanden, wirklich
aufrechterhalten werden kann. De facto hat sich besonders in Artikel 9 die
Fraktion derer durchgesetzt, die ihre Behauptung eines materialen Nebeneinanders von Schrift und Tradition nicht aufzugeben bereit waren. Gewiß,
die Erwähnung von den zwei "fontes" (Quellen) der Offenbarung wurde
vermieden. Wenn "die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift",
"demselben göttlichen Quell (scaturigo) entspringend", wie zwei
Ströme "gewissermaßen in eins zusammenfließen und demselben Ziel
zustreben", so ist hier von einer bloß funktionalen Rolle der Tradition
jedoch nichts mehr zu bemerken. Im Blick auf den folgenden Satz bemerkt
Ratzinger, es sei wichtig, "daß nur über die Schrift eine eigentliche
'Ist'-Definition gegeben wird: Von ihr wird gesagt, daß sie schriftlich
festgehaltenes Sprechen Gottes ist. Die Tradition wird dagegen nur
funktional beschrieben, von dem her, was sie tut: Sie vermittelt Wort Gottes,
'ist' es aber nicht" (ebd. 525).
Von einer "Ist"-Definition vermag ich im Text nichts zu erkennen. Vor allem aber läßt doch der (vom
Trienter Konzil übernommene) Schlußsatz an einem materialen Nebeneinander von Schrift und Tradition eigentlich keinen Zweifel: beide sollen
"mit gleicher Liebe und Achtung angenommen und verehrt werden". Der
aufgrund einer Intervention Papst Pauls VI. davor eingefügte Satz – "nicht
aus der Heiligen Schrift allein schöpft (die Kirche ihre Gewißheit über alles
Geoffenbarte)" – greift das Bild von zwei Gewässern, über die sich die
Kirche bei der Suche nach Argumenten für ihre Dogmen gleichsam beugt, noch
einmal auf und verstärkt somit den Eindruck von einer zweifachen materialen
(Vor-)Gegebenheit. In Ratzingers Oberseminar zu der noch
"taufrischen" Offenbarungskonstitution (WS 1965/1966, das letzte, das
er vor seinem Wechsel von Münster nach Tübingen gehalten hat) konnte ich nach
hartem Kampf meinem Doktorvater nur das Zugeständnis abringen, daß, wenn man
den Schlußsatz von Art. 9 noch im Gesamtduktus einer funktionalen
Interpretation der Tradition verstehen wolle, man "dann nicht so genau auf
den Wortlaut hinsehen"[3] dürfe. – Im übrigen legt doch auch, unmittelbar daran anschließend, der erste
Satz von Art. 10 ein materiales Verständnis der Tradition nahe: "Die
Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der Kirche
überlassenen heiligen Schatz (sacrum depositum) des Wortes Gottes […]".
Die spätere lehramtliche
Entwicklung schien mir Recht zu geben. Im "Katechismus der Katholischen
Kirche" von 1993 war durch die Art der Darstellung von Einzelaussagen des
Zweiten Kapitels der Konstitution über die göttliche Offenbarung die dort
verbleibende Möglichkeit einer materialen Interpretation des Traditionsbegriffs
eher verstärkt als ausgeschlossen worden[4].
Ich war freudig überrascht, daß in dem von Papst Benedikt XVI. (zwei Monate
nach seiner Wahl) veröffentlichten "Kompendium" dieses Katechismus
nicht nur keine Bestätigung der sich dort andeutenden restaurativen Tendenz zu
finden ist, vielmehr sogar Mehrdeutigkeiten im Konzilstext selbst beseitigt
wurden.[5]
Der Mythos der großen Wende
Zu Beginn seiner Tübinger
Lehrtätigkeit hat Ratzinger in einer Rede auf dem Bamberger Katholikentag vom
Juli 1966 eine erste, von scharfer Kritik geprägte Bilanz des nachkonziliaren
Katholizismus gezogen[6].
Unter den Katholiken in Deutschland herrsche "ein gewisses Unbehagen, eine
Stimme der Ernüchterung und auch der Enttäuschung, wie sie Augenblicken der
Freude und der festlichen Erhebung zu folgen pflegt, in denen mit einemmal die
Welt verwandelt schien […] und nach denen uns nur um so schmerzlicher fühlbar
wird, wie sehr die Gewöhnlichkeit unser Los und wie sehr der Alltag Alltag
geblieben ist" (1966b, 130). Mir scheint, daß dieser Versuch, die dem
Zweiten Vatikanum folgende "Ernüchterung" einem allgemeinen Genus
"Stimmung nach dem Fest" unterzuordnen, der sehr spezifischen
Enttäuschung nach diesem Konzil nicht gerecht wird. Eher könnte man von einer
"Sternstunde der Menschheit" (Stefan Zweig) sprechen – vor deren
Ablauf die Jünger Jesu leider wieder einmal eingeschlafen waren (vgl. Mt
26,40).
Aber auch in dieser Sicht der Dinge
bliebe das mythische Element verdeckt, das gerade in seiner hintergründigen
Wirkkraft der "Sternstunde" eine recht dunkle Zeit folgen ließ. Ich
zitiere zunächst eine längere Passage aus dem Standardwerk des protestantischen
Historikers Sidney E. Ahlstrom, "A Religious History of the American
People" (1972, 1079f):
"Den Beginn einer großen puritanischen Epoche [in der
nordamerikanischen Geschichte
der Religionen] kann man 1558 mit dem Tode von Maria Tudor ansetzen, der
letzten Monarchin, die über ein offiziell römisch-katholisches England
herrschen sollte, und deren Ende 1960 mit der Wahl von John Fitzgerald Kennedy,
des ersten römisch-katholischen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Um
denselben Punkt zu unterstreichen, könnte man bemerken, daß die Zeit der
Gegenreformation 1563 mit dem Ende des Trienter Konzils begann und 1965 mit dem
Abschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils endete. [...] Ein römischer Katholik
wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt – und wurde dann auf
dem Gipfel seiner allgemeinen Beliebtheit niedergeschossen und beerdigt,
während die Nation und die Welt, halb betäubt von der Folge der Ereignisse,
sich zu einer gemeinsamen Trauerklage vereinte, wie sie menschliche Technologie
nie zuvor hätte möglich machen können. Unterdes war ein hochbetagter Kardinal,
1958 zum Papst erhoben, dabei, eine Revolution in der römisch-katholischen
Kirche durchzuführen, deren Widerhall hin und her durch die christliche Welt
rollte, mit Implikationen für die Zukunft, die sich menschlicher
Vorausberechnung entziehen."
Dies
alles klingt uns heute wie ein Märchen aus uralter Zeit – sowohl was
US-amerikanische Präsidenten als auch die katholische Kirche und "die
christliche Welt" angeht. Daß Ahlstroms elegische Sätze auch die damalige
Grundstimmung in Deutschland wiedergeben, läßt sich etwa einem der "Briefe
aus Rom" entnehmen, die Mario von Galli, der angesehenste deutschsprachige
Kommentator der Konzilsereignisse, verfaßt hat: Die ewige Wahrheit Gottes,
eingesenkt in die Geschichte der Menschen, sei dauernd mit uns unterwegs.
Gegenwärtig erscheine sie wie ein Strom, der lange fast spiegelglatt, wie ein
See, geglänzt habe. "[...] plötzlich wird alles Bewegung: die Wasser drängen sich durch enge Felsen, stürzen vielleicht in
Kaskaden herab"[7].
Mythenbildend war nicht nur die
Tatsache, daß der erste katholische Präsident der USA während des Pontifikats eines
Papstes zur Regierung kam, der sich wie kaum ein anderer in den Jahrhunderten
davor in Wort und Tat zu einschneidenden Reformen in der Kirche anschickte –
und dies auf möglichst "demokratischem" Wege. Die Vermutung liegt
nahe, daß das Verhalten dieses Papstes die Gegner J.F. Kennedys bei der
Präsidentenwahl in einige Verlegenheit brachte. Im Gegenzug dürfte die
Gleichzeitigkeit zweier in der Weltöffentlichkeit so hoch angesehener
katholischer Führungspersönlichkeiten es den reformorientierten Bischöfen in
der ersten Phase des Konzils erleichtert haben, ultrakonservative Kräfte im
Vatikan zu zähmen. Auf jeden Fall hat diese einmalige geschichtliche
Konstellation in der westlichen Hemisphäre nicht nur die lange Zeit verstummte
Hoffnung zu neuem Leben erweckt, daß es der so viel und mit so viel Recht
gescholtenen Christenheit doch noch gelingen könnte, Raum für eine humanere
Welt zu schaffen. Diese Konstellation hat auch schlechthin unerfüllbare
Erwartungen genährt. Daß aus diesen Erwartungen schließlich hartnäckig
verfochtene Forderungen erwuchsen, ist allerdings kaum ohne das unvorhersehbare
Zusammentreffen einer Reihe von weiteren Ereignissen zu verstehen, die den
"Mythos der großen Wende" mit einem anderen Vorzeichen versahen. In
die Zeitspanne von weniger als einem halben Jahr vor bzw. kurz nach Beginn der
zweiten Konzilsphase fielen: der plötzliche Tod Johannes' XXIII. (3. Juni
1963), Kennedys berühmte Rede in Berlin (26. Juni 1963) und die Ermordung des
amerikanischen Präsidenten (22. November 1963). Nicht vorhersehbar war wohl
auch die Art und Weise, wie der neue Papst in dieser spannungsgeladenen
Situation während der folgenden Phasen des Konzils und bald danach Schritte
unternahm, die man zumindest als zeitlich inopportun, aber auch von der Sache
her kaum als besonders dringlich erachten darf. Was hat all dies mit der Thematik
dieses Buches zu tun? Mit Kardinal Frings gehörte Joseph Ratzinger zu einer
zahlenmäßig wohl nicht besonders großen Gruppe auf dem Konzil, die sich energisch
für mutige Schritte nach vorn einsetzte, allerdings mit dem Vorbehalt, daß
diese Neuerungen von einer großen Mehrheit der Konzilsväter getragen werden
konnten und zu keinem völligen Gesichtsverlust der "Traditionalisten"
führten. Diese Gruppe geriet unter erheblichen Druck, als unter Paul VI. jene
Traditionalisten mehr und mehr an Gewicht gewannen und in Reaktion darauf aus
der buntgemischten "avantgardistischen Fraktion" eine Front von
Theologen ins Rampenlicht der Medien trat, die ihre Ziele auch unter
Inkaufnahme ausbleibender Kompromisse durchzusetzen bereit war[8].
In welcher Richtung sich Ratzinger entschied – und welchen Platz in der
nachkonziliaren Geschichte ihm infolgedessen die Öffentlichkeit zuweisen würde
–, läßt sich bereits aus seinen Rückblicken auf die einzelnen Sitzungsperioden
des Zweiten Vatikanums erschließen.
Wenige Tage vor der
Schlußabstimmung über die Kirchenkonstitution im Plenum (November 1964) hatte
Paul VI. "Bekanntmachungen" und eine "Erläuternde
Vorbemerkung" mit der Anweisung erlassen, daß diese dem Text beigegeben
werden sollten. Mario von Galli schreibt dazu in seinem "Brief aus
Rom" vom 21. November: "Nein, es hat keinen Sinn, das zu leugnen: die
letzte Woche des Konzils war keine Freudenwoche. Die übergroße Mehrheit der Väter
erlebte bittere Enttäuschungen, sie fühlte sich behandelt wie 'Unmündige'. […]
Man hat erlebt, daß eine Gruppe, eine Minderheit, dem Papst näher steht als
eine noch so große Mehrheit"[9].
Ratzinger versucht in seinem Rückblick auf diese Ereignisse (1965b, 47-50)
zunächst, das Vorgehen Pauls VI. formal-rechtlich wie auch inhaltlich dem
Verständnis näherzubringen. Auch er stellt dann allerdings fest:
"Trotz allem bleibt freilich nun auf der anderen Seite
bestehen, daß niemand sich eine Wiederholung der Vorgänge der besagten
Novemberwoche wünschen kann. Denn sie haben zweifellos gezeigt, daß jene Form
der Primatsverwirklichung (und der Formulierung der Primatslehre) noch nicht
gefunden ist, die etwa den Kirchen des Ostens deutlich machen könnte, daß eine
Vereinigung mit Rom nicht Unterwerfung unter eine päpstliche Monarchie wäre
[…]" (ebd. 49f).
Der Abschluß seiner Bemerkungen
läßt dann aber keinem Anflug von Skepsis mehr Platz: "Die Vorgänge, von
denen wir reden, haben gezeigt, daß Geduld vonnöten ist. Aber sie haben in
keiner Weise jene Hoffnung zerstört, ohne welche die Geduld ihre Seele verlöre.
Das Konzil und mit ihm die Kirche ist auf dem Weg. Es gibt keinen Grund zur
Skepsis und zur Resignation. Aber wir haben allen Grund zur Hoffnung, zur
Frohgemutheit, zur Geduld" (ebd. 50).
Das Klima an der Theologischen
Fakultät zu Münster war zu dieser Zeit bereits von einer Hoffnung anderer Art
bestimmt. In dem schon zitierten Vortrag vor der Studentengemeinde weist Ratzinger auf zwei Beispiele
hin, wo in der Kirchengeschichte nach einem revolutionären Schritt nach vorn
schließlich eine Scheidung der Geister nötig wurde. Nicht nur der Apostel
Paulus mit seiner Gemeinde in Korinth, sondern auch Martin Luther habe eine
solche Erfahrung gemacht, "als während seines Aufenthalts in der Wartburg
der Sturm der Erneuerung plötzlich alle Dämme wegzufegen schien und Erneuerung
in chaotisches Schwärmertum umzuschlagen begann; selbst in einer so
besonnenen Stadt wie Münster spielten sich wenige Jahre später Vorgänge ab,
durch die diese Stadt ihren Namen für immer in die Geschichte des christlichen
Schwärmertums eingetragen hat" (1966d, 92; meine Hervorheb.). Eine
kaum verdeckte Polemik dieser Art hatte ich vorher noch nicht bei Ratzinger
wahrgenommen. Sie umschrieb aber recht treffend den dezenten Hauch
atheistischer Ideen Blochscher Prägung, mit dem sich damals Johannes Baptist
Metz in Abkehr von der transzendentalen Theologie Karl Rahners und vor seinem
Weg in die "Politische Theologie" umgab.
Das heißt nun allerdings nicht, daß
sich Ratzinger in seiner wachsenden Skepsis gegenüber dem allgemeinen Drang zum
"weltoffenen Christen" von seiner Entschiedenheit zu rationaler
Glaubensverantwortung verabschiedet hätte. Dies zeigt sehr schön sein 1966
erstmals publizierter Beitrag "Weltoffene Kirche? Überlegungen zur
Struktur des Zweiten Vatikanischen Konzils". Hier schreibt er unter dem
Stichwort "Dialog": "(Die christliche Botschaft) kann als
Antwort nur begriffen […] werden, wo zuvor die Frage des Menschseins als
Frage erlitten worden ist."
"Aus diesem Grunde muß einerseits die Frage geweckt
werden und muß anderseits die christliche Botschaft sich immer wieder von dem
tatsächlichen Fragen der Menschen zu sich selbst hin erwecken lassen, sich vom
Hören auf dieses Fragen aus je neu zur Antwort formen" (1966c, 121).
"Weil es im Kerygma immer auch das gibt, was in Wahrheit kein Kerygma,
sondern menschliche Umdenkung ist, deshalb ist das geduldige Hören auf das
wirkliche Wissen der Menschheit jederzeit wieder vonnöten. […] (Es gibt) auf der
einen Seite die Verdunklungen der christlichen Schuld, auf der anderen Seite
den verborgenen christlichen Reichtum derer, die ja gleichfalls unter dem
Zeichen des Erlösers stehen. Das gilt, wie die Konstitution über die Kirche in
der heutigen Welt zu zeigen sich mühte, auch […] für das Verhältnis von
Christen und Atheisten; auch der Atheist hat ein Zeugnis zu verwalten, das den
Christen angeht, ihn zum Hören und Nachdenken zwingt" (ebd. 122).
Was den Stellenwert
öffentlich-rationaler Glaubensverantwortung für dieses "Hören und
Nachdenken" angeht, bemerkt Ratzinger: "[…] die kirchliche Autorität
(kann) nicht den wissenschaftlichen Sachverstand der Theologie ersetzen,
sondern muß ihn noch einmal als solchen anerkennen und voraussetzen und kann
nur auf ihm aufbauend, nicht gegen ihn die Verkündigung des Wortes und das
Geltendmachen seines Anspruchs vollziehen" (ebd.125).
[1] "So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und
übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie
glaubt" (DV II 8,1).
[2] "Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand
des Heiligen Geistes einen Fortschritt; es wächst nämlich [crescit enim] das
Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium
der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen […], durch innere Einsicht, die
aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der
Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben;
denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen
Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen" (DV II 8,2).
[3] Ich zitiere mein Protokoll.
[4] Vgl. H. Verweyen, 1993, 43-46.
[5] Nicht zuletzt im Blick auf die ökumenische Diskussion halte ich bereits die
Unterscheidung zwischen "apostolischer Überlieferung" und einer
(nicht näher apostrophierten) "Überlieferung" für einen Fortschritt.
Nur die letztere wird zur Heiligen Schrift in Beziehung gesetzt, aber –
anders als auf dem Konzil – dabei nicht mehr als "heilig" (Sacra
Traditio) bezeichnet. Die "apostolische Überlieferung" umfaßt
demgegenüber die Gesamtheit des den Aposteln aufgetragenen, in Worten und Taten
abzulegenden Zeugnisses von dem universalen, in Christus offenbar gewordenen Heilswillen
Gottes (vgl. Katechismus 2005, Nr. 11). "Die Apostel haben ihren
Nachfolgern, den Bischöfen, und durch diese allen Geschlechtern bis zur
Vollendung der Zeiten das weitergegeben, was sie von Christus empfangen
und vom Heiligen Geist gelernt haben" (Nr. 12, meine Hervorh.). In diesem
Satz gibt es zwei bemerkenswerte Änderungen gegenüber dem Konzilstext (DV II
7). Dort stand: "die Apostel (haben) Bischöfe als ihre Nachfolger
zurückgelassen und ihnen 'ihr eigenes Lehramt überliefert'". Nun wird, historisch
und sachlich präziser, nicht mehr behauptet, daß (zum einen) die Apostel selbst Bischöfe als ihre Nachfolger eingesetzt und (zum
anderen) ihnen ihr eigenes Lehramt übertragen hätten. Das an die Stelle
von "eigenes Lehramt" gerückte, nicht näher spezifizierte "das,
was sie […] empfangen […] haben" scheint eher die Verantwortung der
Nachfolger der Apostel vor "allen Geschlechtern" als ihre Lehrgewalt
zu betonen. – Der Konzilstext fuhr unmittelbar nach dem Verweis auf die
Übertragung des Lehramtes fort: "Diese Heilige Überlieferung und die Heilige
Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott
[…] anschaut […]". Im "Kompendium" folgt hingegen nach der
Antwort auf die Frage: "Was ist die apostolische Überlieferung?" (Nr.
12) die Frage danach, auf welche Weisen sie geschieht (Nr. 13). Antwort:
"Die apostolische Überlieferung geschieht auf zwei Weisen: durch die
lebendige Weitergabe des Wortes Gottes (auch einfach Überlieferung genannt) und
durch die Heilige Schrift, in der dieselbe Verkündigung des Heils
schriftlich festgehalten wurde" (meine Hervorh.). Hier scheint die von
Geiselmann (und seiner Anhängerschaft auf dem Konzil) vergeblich gesuchte
Lösung gelungen, zugleich aber auch Ratzingers frühere Gegenposition klarer zum
Ausdruck gebracht. Überlieferung als die "lebendige Weitergabe des
Wortes" geht inhaltlich nicht über das hinaus, was in der Heiligen
Schrift niedergeschrieben steht. Sie wird nun tatsächlich der Schrift rein
funktional zugeordnet. Beide aber gehen aus einer umfassenden
Überlieferung ("traditio"), dem apostolischen Verkündigungsgeschehen,
hervor, in dem sich fortzeugt, was die "traditio" als Auslieferung
des Sohnes durch den Vater und zugleich als Selbsthingabe Jesu selbst erwirkt
hat. – Der folgende Abschnitt über die "Beziehung zwischen der
Überlieferung und der Heiligen [!] Schrift" (Nr. 14), in den gerade noch
soviel aus der Konzilskonstitution (DV II 8-9) aufgenommen wurde, wie ohne die
Weiterschreibung ökumenischer Ärgernisse möglich war, ist ganz auf dem
Hintergrund von Nr. 13 zu lesen. Die Aussage, daß "beide demselben
göttlichen Quell entspringen", ist zwar beibehalten, gibt aber keinen
Anlaß mehr zu einem materialen Verständnis der Überlieferung. Man ist versucht
anzunehmen, daß Ratzinger selbst noch diesen sorgfältig redigierten Text
verfaßt hat. Die althergebrachte, wenn auch im genaueren Blick auf die
offiziellen Lehraussagen vergröberte Vorstellung von "der Tradition"
als einem "zweiten Behälter" von verbindlichen Wahrheiten, in den die
Kirche nur hineinzugreifen brauche, wenn die Heilige Schrift nicht genügend Argumente
für neu zu erlassende Dogmen hergibt, darf seit dem 29. Juni 2005 jedenfalls
als überholt gelten.
[6] In seinen "Erinnerungen" aus dem Jahre 1998 erwähnt Ratzinger, daß
sich "Kardinal Döpfner […] über die 'konservativen Streifen' wunderte, die
er (in dieser Rede) wahrgenommen zu haben glaubte" (1998a, 136).
[7] Vgl. Orientierung 28 (1964) 206.
[8] Schon in einem am 18. Juni 1965 vor der katholischen Studentengemeinde zu
Münster gehaltenen Vortrag weist Ratzinger in aller Offenheit auf diese neue
Situation hin: "Und da stehen zwischen beiden Mühlsteinen diejenigen […,
namentlich genannt wird Hans Urs von Balthasar], die mitgekämpft und
mitgelitten haben, daß Erneuerung zustande komme, und fangen an, sich zu
fragen, ob die Dinge unter dem Regiment der sogenannten Konservativen nicht
immer noch besser standen, als sie unter der Herrschaft des 'Progressismus'
stehen können" (1966d, 91).
[9] Orientierung 28 (1964) 246.
|
© Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)
|
|
|
|