Home Theologie Schülerkreis Stiftung Projekte Spenden Neue Schüler  Bücher Links/Texte Kontakt

Aus dem Werk

Zum Priesterjahr 2009/2010
Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Thema 1:
Liturgie - Ars celebrandi

Thema 2: Afrika

Thema 3: Pfarrer sein heute – mit viel Arbeit. Wie kann das gehen?

Thema 4: Heilige Schrift und Exegese

Thema 5: Jugendliche – Anthropologie

Thema 6:
Zweites Vaticanum

Thema 7: Priester sein – glaubend, mit Grenzen,
in Gemeinschaft

Thema 8:
Krankheit und Leiden

Thema 9: Gewissen

Thema 10:
Was ist Pastoral?

Zum Priesterjahr 2009/2010

Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Thema 9: Gewissen

Am 27. Juli 2007 traf Benedikt XVI. mit dem Klerus der Diözesen Belluno-Feltre und Treviso zusammen. Einer der Priester fragte den Papst nach der Bildung des Gewissens: "Heiligkeit, ich bin Don Claudio. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen zur Gewissensbildung, besonders im Hinblick auf die jungen Generationen, denn heute scheint es immer schwieriger zu sein, ein konsequentes, aufrichtiges Gewissen heranzubilden. Gutes und Schlechtes wird verwechselt mit 'sich gut fühlen" und 'sich schlecht fühlen', mit dem emotionalen Aspekt. Dazu möchte ich Sie um Ihren Rat bitten. Danke."

Der Papst antwortete, indem er aufzeigte, was Gewissen bedeutet und worin die Hörfähigkeit und Hörbereitschaft des Menschen besteht:

"Diese erste Frage läßt ein Problem der kulturellen Situation im Westen erkennbar werden, denn der Begriff des Gewissens hat in den letzten beiden Jahrhunderten eine tiefgreifende Wandlung erfahren. Heute herrscht die Idee vor, daß nur das vernünftig sei, ein Teil der Vernunft sei, was quantifizierbar ist. Die anderen Dinge, also die Religion und die Moral, gehörten demnach nicht zur gemeinsamen Vernunft, weil sie nicht verifizierbar oder, wie es heißt, nicht experimentell zu widerlegen sind. In dieser Situation, in der die Moral und die Religion von der Vernunft gleichsam ausgeschlossen werden, ist der einzige endgültige Maßstab der Moralität und auch der Religion das Subjekt, das subjektive Gewissen, das keine anderen Instanzen kennt. Letztlich entscheidet nur das Subjekt mit seinem Gefühl, mit seinen Erfahrungen, mit eventuellen Maßstäben, die es gefunden hat. Aber so wird das Subjekt zu einer isolierten Wirklichkeit, und so ändern sich, wie Sie gesagt haben, die Parameter von Tag zu Tag.

'Gewissen' bedeutet in der christlichen Überlieferung 'Mit-Wissen': Wir sind offen, unser Sein ist offen, es kann die Stimme des Seins selbst, die Stimme Gottes, hören. Die Stimme der großen Werte ist also in unser Sein eingeschrieben, und die Größe des Menschen besteht eben darin, daß er nicht in sich selbst verschlossen ist, daß er nicht auf die materiellen, die quantifizierbaren Dinge verkürzt werden kann, sondern daß er in seinem Innersten offen ist für die wesentlichen Dinge, daß er fähig ist zu hören. In der Tiefe unseres Seins können wir nicht nur die Bedürfnisse des jeweiligen Augenblicks, nicht nur die materiellen Dinge wahrnehmen, sondern wir können die Stimme des Schöpfers selbst hören, und so erkennt man, was gut ist und was schlecht ist. Aber natürlich muß dieses Hörvermögen ausgebildet und entfaltet werden. Und eben darum geht es bei unserer Verkündigung in der Kirche: um die Entfaltung dieser dem Menschen von Gott geschenkten erhabenen Fähigkeit, die Stimme der Wahrheit und so die Stimme der Werte zu hören.
                                    
Ich würde daher sagen, daß ein erster Schritt darin besteht, den Menschen bewußt zu machen, daß unser Wesen selbst eine moralische Botschaft in sich trägt, eine göttliche Botschaft, die entschlüsselt werden muß und die wir immer besser kennenlernen, immer besser hören können, wenn unser inneres Hörvermögen geöffnet und entfaltet wird. Jetzt stellt sich die konkrete Frage, wie diese Erziehung zum Hören geschehen soll, wie man den Menschen dazu fähig machen soll trotz all der Taubheiten der modernen Zeit, wie man es anstellen soll, daß dieses Hörvermögen zurückkehrt, daß es zum wirklichen Geschehen wird, zum 'Effatà' der Taufe, zur Öffnung der inneren Sinne. Angesichts der Situation, in der wir uns befinden, würde ich eine Verbindung zwischen einem laikalen und einem religiösen Weg, dem Weg des Glaubens, vorschlagen.

Wir alle sehen heute, daß der Mensch die Grundlage seiner Existenz, seine Erde, zerstören könnte und daß wir daher mit dieser Erde, mit der uns anvertrauten Wirklichkeit, nicht mehr einfach das machen können, was wir wollen und was uns im Augenblick nützlich und vielversprechend zu sein scheint. Wir müssen, wenn wir überleben wollen, die inneren Gesetze der Schöpfung, dieser Erde, respektieren, müssen diese Gesetze kennenlernen und diesen Gesetzen auch gehorchen. Dieser Gehorsam gegenüber der Stimme der Erde, der Stimme des Seins ist also für unser zukünftiges Glück wichtiger als die Stimmen des Augenblicks, die Wünsche des Augenblicks. Das ist ein erstes Kriterium, das es zu lernen gilt: daß das Sein selbst, unsere Erde, zu uns spricht und daß wir zuhören müssen, wenn wir überleben und die Botschaft der Erde entschlüsseln wollen. Und wenn wir der Stimme der Erde gehorchen müssen, dann gilt das noch mehr für die Stimme des menschlichen Lebens.

Wir müssen nicht nur für die Erde Sorge tragen, sondern wir müssen den anderen, die anderen respektieren – den anderen in seiner Einzigartigkeit als Person, als meinen Nächsten ebenso wie die anderen als Gemeinschaft, die auf der Erde lebt und die zusammenleben muß. Und wir sehen, daß es nur dann weitergehen kann, wenn wir das Geschöpf Gottes, das Abbild Gottes, das der Mensch ist, absolut respektieren, wenn wir das Zusammenleben auf der Erde respektieren. Und hier kommen wir zu dem Punkt, daß wir die großen moralischen Erfahrungen der Menschheit brauchen.

Diese Erfahrungen sind aus der Begegnung mit dem anderen, mit der Gemeinschaft entstanden: die Erfahrung, daß die menschliche Freiheit stets eine miteinander geteilte Freiheit ist und daß sie nur dann funktionieren kann, wenn wir unsere Freiheiten miteinander teilen und dabei die Werte respektieren, die wir alle gemeinsam haben. Mir scheint, daß man in diesen Schritten die Notwendigkeit deutlich machen kann, der Stimme des Seins zu gehorchen, der Würde des anderen zu gehorchen, der Notwendigkeit zu gehorchen, zusammen unsere Freiheiten als 'eine' Freiheit zu leben. So kann man den Wert erkennen, der darin enthalten ist, eine würdige Lebensgemeinschaft unter den Menschen möglich zu machen. So gelangen wir, wie schon gesagt, zu den großen Erfahrungen der Menschheit, in denen sich die Stimme des Seins ausdrückt, und vor allem zu den Erfahrungen des großen Pilgerwegs des Gottesvolkes in der Geschichte, angefangen bei Abraham. In diesem Weg finden wir nicht nur die grundlegenden menschlichen Erfahrungen wieder, sondern wir können durch diese Erfahrungen die Stimme des Schöpfers selbst hören, der uns liebt und der mit uns gesprochen hat.

Im Hinblick auf den Respekt gegenüber den menschlichen Erfahrungen, die uns heute den Weg weisen und dies auch morgen noch tun werden, scheinen mir die Zehn Gebote stets einen vorrangigen Wert zu haben, da wir in ihnen die großen Wegweiser erkennen. Die Zehn Gebote – im Licht Christi, im Licht des Lebens der Kirche und ihrer Erfahrungen neu ausgelegt und neu gelebt – machen einige grundlegende und wesentliche Werte deutlich: Das vierte und das sechste Gebot zeigen gemeinsam auf, wie wichtig unser Leib ist, wie wichtig es ist, die Gesetze des Leibes und der Sexualität und der Liebe zu achten, den Wert der treuen Liebe, die Familie; das fünfte Gebot zeigt den Wert des Lebens und auch den Wert des gemeinsamen Lebens auf; das siebte Gebot zeigt den Wert auf, der darin liegt, die Güter der Erde miteinander zu teilen und sie gerecht miteinander zu teilen, die Verwaltung der Schöpfung Gottes; das achte Gebot zeigt den großen Wert der Wahrheit auf.

Während wir also im vierten, fünften und sechsten Gebot die Nächstenliebe haben, haben wir im siebten Gebot die Wahrheit. All das ist nicht möglich ohne die Gemeinschaft mit Gott, ohne die Achtung vor Gott und ohne die Gegenwart Gottes in der Welt. Eine Welt, in der es Gott nicht gibt, wird in jedem Fall eine Welt der Willkür und des Egoismus. Nur wenn Gott da ist, gibt es Licht, gibt es Hoffnung. Unser Leben hat einen Sinn, den nicht wir schaffen müssen, sondern der uns vorausgeht, der uns trägt. Daher würde ich also vorschlagen, gemeinsam die deutlich sichtbaren Wege zu gehen, die heute auch das laikale Gewissen leicht erkennen kann, und dabei zu versuchen, zu den tieferen Stimmen hinzuführen, zur wahren Stimme des Gewissens, die sich in der großen Tradition des Gebets, des moralischen Lebens der Kirche mitteilt. So können wir, glaube ich, in einem Weg geduldiger Erziehung alle lernen, zu leben und das wahre Leben zu finden."

Prof. Dr. Achim Buckenmaier © Libreria Editrice Romana

 

 

            Archiv Impressum Kontakt