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Aus dem Werk

Zum Priesterjahr 2009/2010
Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Thema 1:
Liturgie - Ars celebrandi

Thema 2: Afrika

Thema 3: Pfarrer sein heute – mit viel Arbeit. Wie kann das gehen?

Thema 4: Heilige Schrift und Exegese

Thema 5: Jugendliche – Anthropologie

Thema 6:
Zweites Vaticanum

Thema 7: Priester sein – glaubend, mit Grenzen,
in Gemeinschaft

Thema 8:
Krankheit und Leiden

Thema 9: Gewissen

Thema 10:
Was ist Pastoral?

Zum Priesterjahr 2009/2010

Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Aus Antworten, die Papst Benedikt XVI. während einiger Treffen mit Priestern, Diakonen und Seminaristen auf aktuelle Fragen gegeben hat

Thema 5: Jugendliche – Anthropologie

Im Gespräch mit Priestern der Diözese Rom am 2.März 2006 beschreibt Papst Benedikt XVI. mit großem Einfühlungsvermögen das Lebensgefühl heutiger Jugendlicher, das in besonderer Weise teilhat an der verbreiteten Individualisierung der Gesellschaft. Abschließend stellt er den Fragekreis in den Horizont christlicher Anthropologie.

"Was Sie über das Problem der Jugendlichen, ihre Vereinsamung und das fehlende Verständnis von Seiten der Erwachsenen gesagt haben, erfahren wir heute in sehr direkter Weise. Es ist interessant, dass diese Jugend, die in den Diskotheken engste Nähe sucht, in Wirklichkeit an tiefer Einsamkeit und natürlich auch am Unverstanden-
sein leidet. Mir scheint das in gewissem Sinn symptomatisch zu sein für die Tatsache, dass die Väter, wie gesagt wurde, bei der Erziehung in der Familie meistens abwesend sind. Aber auch die Mütter müssen außer Haus arbeiten. Die Familiengemeinschaft ist sehr schwach. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder ist eine Insel des Denkens, des Fühlens, und diese Inseln haben keine Verbindung untereinander

Das schwierige Problem gerade in unserer Zeit – in der jeder das Leben für sich haben will, es aber verliert, weil er sich isoliert und den anderen von sich ausgrenzt –, besteht darin, die tiefe Gemeinschaft wiederzufinden, die letztendlich nur aus einer Grundlage, die allen gemeinsam ist, aus der Gegenwart Gottes kommen kann, die uns alle vereint. Mir scheint, dass als Voraussetzung dafür die Vereinsamung und das fehlende Verständnis füreinander überwunden werden müssen, denn auch diese entspringen der Tatsache, dass das Denken heute zersplittert ist. Jeder sucht nach seiner Art zu denken, zu leben, und man ist nicht in einer tieferen Vision des Lebens miteinander verbunden.

Die Jugend fühlt sich neuen Horizonten gegenübergestellt, an denen die ältere Generation keinen Anteil hat, denn es fehlt die Kontinuität der Weltsicht in einer Welt, die mit immer größerer Hast neuen Entdeckungen nachjagt. In zehn Jahren haben Veränderungen stattgefunden, die in der Vergangenheit nicht einmal in hundert Jahren geschehen sind. So trennen uns wirklich Welten voneinander. Ich denke an meine eigene Jugend und an die Naivität, wenn ich so sagen darf, in der wir gelebt haben, in einer Gesellschaft, die im Gegensatz zur heutigen eine reine Agrargesellschaft war. Wir sehen, wie sich die Welt immer schneller verändert, und dass sie auch durch diese Veränderungen in Einzelteile zerfällt. In einem Augenblick der Erneuerung und Veränderung wird daher das Element des Dauerhaften immer wichtiger.

Warum gibt es diese Einsamkeit in einer Gesellschaft, die andererseits wie eine Massengesellschaft erscheint? Warum gibt es dieses Unverstandensein in einer Gesellschaft, in der alle versuchen, einander zu verstehen, wo die Kommunikation alles ist, und wo die Transparenz aller Dinge für alle oberstes Gesetz ist? Die Antwort liegt in der Tatsache, dass wir die Veränderung in unserer eigenen Welt zwar sehen, aber das Element, das uns alle miteinander verbindet, nicht in ausreichendem Maße leben, das kreatürliche Element, das in einer bestimmten Geschichte zugänglich und zur Wirklichkeit wird: in der Geschichte Christi, der sich der Kreatürlichkeit nicht widersetzt, sondern ihr das zurückerstattet, was der Schöpfer gewollt hatte, wie der Herr es vom Ehebund sagt. Das Christentum, das gerade die Geschichte und die Religion als eine geschichtliche Tatsache unterstreicht, als Tatsache in einer Geschichte, angefangen bei Abraham, und damit als einen geschichtlichen Glauben, und das der Moderne die Tür geöffnet hat mit seinem Sinn für den Fortschritt für das ständige Voranschreiten, ist zugleich ein Glaube, der auf dem Schöpfer gründet, der sich offenbart und gegenwärtig macht in einer Geschichte, der er ihre Kontinuität und folglich die Mitteilbarkeit unter den Menschen verleiht."

Als geschichtlicher Glaube soll das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes, an die Jugend und so an die Zukunft weitergegeben werden. Aufgabe des priesterlichen Dienstes ist es dabei, Jugendlichen Räume der Begegnung mit Gott und untereinander zu öffnen. Wie aber geht das mit immer volleren Terminkalendern in wachsenden pastoralen Feldern? Darauf antwortet der Papst im Gespräch mit Priestern der Diözese Albano am 31.August 2006:

"Ich denke, gerade hier sollte eine "integrierte Seelsorge" verwirklicht werden, weil ja nicht jeder Pfarrer die Möglichkeit hat, sich genügend um die Jugend zu kümmern. Er braucht also eine Pastoral, die über die Grenzen der Pfarrei und auch über die Grenzen der Arbeit des Priesters hinausgeht. Eine Pastoral, die auch viele Mitarbeiter einschließt. Mir scheint, dass man unter der Koordination des Bischofs einerseits einen Weg finden muss, um die Jugendlichen in die Pfarrei zu integrieren, damit sie zum Sauerteig des Gemeindelebens werden; und andererseits muss man für diese Jugendlichen auch Hilfe von Mitarbeitern von außerhalb der Pfarrgemeinde finden. Die beiden Dinge gehören zusammen. Man sollte den Jugendlichen unbedingt nahelegen, dass sie sich nicht nur in der Pfarrei, sondern in verschiedenen Bereichen in das Leben der Diözese einbringen sollen, um dann auch in der Pfarrgemeinde ihren Platz zu finden. Alle Initiativen, die in diese Richtung gehen, gilt es daher zu fördern.

Von großer Bedeutung, so meine ich, ist jetzt die Erfahrung des freiwilligen Dienstes. Es ist wichtig, dass man die Jugendlichen nicht den Diskotheken überlässt, sondern ihnen Aufgaben gibt, anhand derer sie sehen, dass sie gebraucht werden und merken, dass sie etwas Gutes tun können. Die jungen Menschen spüren den Antrieb, etwas Gutes für die Menschheit, für einen Menschen oder für eine Gruppe von Menschen zu tun, haben den Drang, sich zu engagieren, und finden auch die positive "Bahn" des Einsatzes, die christliche Ethik. Sehr wichtig erscheint mir, dass die Jugendlichen wirklich Aufgaben haben, die ihnen zeigen, dass sie gebraucht werden, die sie auf den Weg eines positiven Dienstes der Hilfeleistung führen, die sich an der Liebe Christi zu den Menschen orientiert, so dass sie selbst nach den Quellen suchen, aus denen sie schöpfen können, um die Kraft zu finden, sich zu engagieren.

Eine weitere Erfahrung sind die Gebetsgruppen, wo die jungen Menschen lernen, das Wort Gottes zu hören, das Wort Gottes innerhalb ihres eigenen jugendlichen Lebensbereiches kennenzulernen und mit Gott in Kontakt zu kommen. Das heißt auch, die gemeinschaftliche Form des Gebetes, die Liturgie, kennenzulernen, die ihnen im ersten Augenblick ziemlich unzugänglich erscheinen mag. Sie lernen, dass das Wort Gottes da ist und uns entgegenkommt, trotz aller zeitlicher Distanz, und dass es heute zu uns spricht. Wir bringen die Frucht der Erde und unserer Arbeit dem Herrn dar und finden sie in Gottes Gabe verwandelt. Wir reden als Kinder mit dem Vater und empfangen dann ihn selbst als Geschenk. Wir erhalten den Auftrag, in die Welt zu gehen mit dem Geschenk seiner Gegenwart."

Und er ergänzt Ende Februar 2007 bei einem weiteren Treffen mit Priestern der Diözese Rom die Unverzichtbarkeit und Vorrangigkeit des persönlichen Zeugnisses.

"Wir wissen, dass die Jugend tatsächlich eine Priorität in unserer Seelsorgearbeit sein muss, weil sie in einer Welt lebt, die fern von Gott ist. Und es ist sehr schwierig, in unserem kulturellen Umfeld die Begegnung mit Christus, das christliche Leben, das Leben des Glaubens zu finden. Die Jugendlichen brauchen viel Begleitung, um wirklich diesen Weg zu finden. Ich würde sagen – auch wenn ich leider ziemlich entfernt von ihnen lebe und daher nicht sehr konkrete Hinweise geben kann –, dass mir das erste Element gerade und vor allem die Begleitung zu sein scheint. Sie müssen sehen, dass man den Glauben in der heutigen Zeit leben kann, dass es sich nicht um etwas Vergangenes handelt, sondern dass es möglich ist, heute als Christen zu leben und so wirklich das Gute zu finden."

Manuel Schlögl © Libreria Editrice Romana

 

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