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Aus dem Werk

Zum Priesterjahr 2009/2010
Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Thema 1:
Liturgie - Ars celebrandi

Thema 2: Afrika

Thema 3: Pfarrer sein heute – mit viel Arbeit. Wie kann das gehen?

Thema 4: Heilige Schrift und Exegese

Thema 5: Jugendliche – Anthropologie

Thema 6:
Zweites Vaticanum

Thema 7: Priester sein – glaubend, mit Grenzen,
in Gemeinschaft

Thema 8:
Krankheit und Leiden

Thema 9: Gewissen

Thema 10:
Was ist Pastoral?

Zum Priesterjahr 2009/2010

Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Aus Antworten, die Papst Benedikt XVI. während einiger Treffen mit Priestern, Diakonen und Seminaristen auf aktuelle Fragen gegeben hat.

Thema 4: Heilige Schrift und Exegese

Zu den grundlegenden Konstanten im theologischen Werk Joseph Ratzingers gehört die Einbeziehung und kritische Würdigung der modernen Exegese. Beim Treffen mit dem Klerus der Diözese Rom am 22. Februar 2007 wurde Papst Benedikt XVI. auch auf die Frage der Exegese und Schriftauslegung angesprochen.  Pater Franco Incampo, Rektor der Kirche "Santa Lucia del Gonfalone", stellte die Erfahrung mit dem Projekt "Lesen der gesamten Bibel" vor, das seine Gemeinde zusammen mit der Waldenserkirche durchführt. "Wir haben uns auf das Hören des Wortes eingelassen – sagte er – es ist ein umfangreiches Projekt. Welchen Wert hat das Wort in der kirchlichen Gemeinschaft? Warum kennen wir die Bibel so wenig? Wie kann man die Kenntnis der Bibel fördern, damit das Wort die Gemeinde auch für einen ökumenischen Weg heranbildet?".

Benedikt XVI. antwortete:

Sie haben sicher eine konkretere Erfahrung damit, wie man das machen könnte. Ich kann dazu vor allem sagen, daß die nächste Synode das Wort Gottes zum Thema haben wird. Ich habe die vom Rat der Synode erarbeiteten Lineamenta bereits gesehen, und ich denke, daß die verschiedenen Dimensionen der Gegenwart des Wortes in der Kirche gut deutlich gemacht werden werden.

Natürlich ist die Bibel in ihrer Ganzheitlichkeit eine sehr große Sache, die es allmählich zu entdecken gilt. Denn wenn wir nur die einzelnen Teile nehmen, kann es oft schwierig sein, zu verstehen, daß es sich um das Wort Gottes handelt: Ich denke an bestimmte Teile der Bücher der Könige mit den chronologischen Berichten, mit der Vernichtung der im Heiligen Land vorhandenen Völker. Noch vieles andere ist schwierig. Auch das Buch Kohelet kann sich, isoliert betrachtet, als sehr schwierig erweisen: Es scheint geradezu die Verzweiflung zu theoretisieren, denn es bleibt nichts, und am Ende stirbt mit den Törichten auch der Weise. Wir hatten ja daraus jetzt die Lesung im Brevier.

Ein erster Punkt scheint mir das Lesen der Heiligen Schrift in ihrer Einheit und Ganzheitlichkeit zu sein. Die einzelnen Teile sind Teile eines Weges, und nur wenn wir sie in ihrer Ganzheitlichkeit als einen einzigen Weg sehen, wo ein Teil den anderen erklärt, können wir das verstehen. Bleiben wir zum Beispiel beim Buch Kohelet. Dem ging das Weisheitswort voraus, wonach wer gut ist, auch gut lebt. Das heißt: Gott belohnt den, der gut ist. Und dann kommt Ijob, und man sieht, daß es nicht so ist und daß gerade der, der in rechter Weise lebt, mehr leidet. Er scheint von Gott vergessen worden zu sein. Dann kommen die Psalmen jener Zeit, wo es heißt: Aber was tust du, Gott? Die Gottlosen, die Hochmütigen leben gut, sie sind fett, sie nähren sich reichlich und lachen über uns und sagen: Aber wo ist Gott? Er kümmert sich nicht um uns, und wir sind verkauft worden wie die Schafe, die geschlachtet werden sollen. Was machst du mit uns, warum ist das so? Es kommt der Augenblick, wo Kohelet sagt: Aber wo bleibt am Ende alle diese Weisheit? Es ist ein fast existentialistisches Buch, in dem festgestellt wird: Alles ist vergeblich. Dieser erste Weg verliert nichts von seinem Wert, sondern öffnet sich der neuen Perspektive, die am Ende zum Kreuz Christi führt, der "der Heilige Gottes" ist, wie Petrus im 6. Kapitel des Johannesevangeliums sagt. Der Weg endet mit dem Kreuz. Und gerade auf diese Weise zeigt sich die Weisheit Gottes, die uns dann der hl. Paulus beschreiben wird. Also nur wenn wir alles als einen einzigen Weg nehmen, den wir Schritt für Schritt gehen, und die Heilige Schrift in ihrer Einheit zu lesen lernen, können wir tatsächlich den Zugang zur Schönheit und zum Reichtum der Heiligen Schrift finden. Es gilt daher: Alles lesen, aber immer die Gesamtheit der Heiligen Schrift berücksichtigen, wo ein Teil den anderen, ein Schritt des Weges den anderen erklärt. Was diesen Punkt betrifft, kann die moderne Exegese sehr hilfreich sein. Nehmen wir zum Beispiel das Buch des Propheten Jesaja: Die Exegeten entdeckten, daß das Buch ab dem 40. Kapitel einen anderen Verfasser hat – den Deutero-Jesaja, wie man damals sagte. Für die katholische Theologie war das ein Augenblick großen Schreckens. Manche dachten, daß man auf diese Weise Jesaja zerstöre und am Ende die Vision vom Gottesknecht, im 53. Kapitel, nicht mehr eine Vision des Jesajas war, der 800 Jahre vor Christus gelebt hatte. Was sollen wir tun?, fragte man sich. Nun haben wir begriffen, daß das ganze Buch ein Weg von immer neuen Auslegungen ist, wo man immer mehr in das zu Beginn vorgegebene Geheimnis eintritt und alles, was von Anfang an vorhanden, aber noch verschlossen war, sich einem immer mehr eröffnet.

Wir können hier an einem Buch den ganzen Weg der Heiligen Schrift verstehen, der ein ständiges Wiederlesen, ein besseres und neues Verstehen des früher Gesagten ist. Schritt für Schritt kommt die Erleuchtung, und der Christ vermag zu verstehen, was der Herr den Emmausjüngern gesagt hat, als er ihnen erklärte, daß alle Propheten von ihm gesprochen hatten. Der Herr eröffnet uns die letzte Auslegung, Christus ist der Schlüssel zu allem, und nur, wenn wir uns auf dem Weg den Emmausjüngern anschließen, nur wenn wir mit Christus gehen, alles wieder neu in seinem Licht lesen, mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, treten wir in den Reichtum und in die Schönheit der Heiligen Schrift ein.

Daher würde ich sagen, der entscheidende Punkt ist, daß man die Heilige Schrift nicht zerstückelt. Gerade die moderne Kritik hat uns, wie wir jetzt sehen, verstehen lassen, daß es sich um einen unausgesetzten Weg handelt. Und wir können auch sehen, daß es ein Weg ist, der eine Richtung hat, und daß tatsächlich Christus der Zielpunkt ist. Wenn wir bei Christus anfangen, können wir den ganzen Weg wiederaufnehmen und in die Tiefe des Wortes Gottes eintreten.

Zusammenfassend würde ich sagen, das Lesen der Heiligen Schrift muß immer eine Lektüre im Lichte Christi sein. Nur so können wir auch in unserem heutigen Umfeld die Heilige Schrift lesen und verstehen und von der Heiligen Schrift wirklich Licht erhalten. Wir müssen eines begreifen: Die Heilige Schrift ist ein Weg mit einer Richtung. Wer den Zielpunkt kennt, kann auch jetzt von neuem alle Schritte tun und so auf tiefere Weise das Geheimnis Christi kennenlernen. Wenn wir das begreifen, haben wir auch die Kirchlichkeit der Heiligen Schrift verstanden, weil diese Wege, diese Schritte des Weges, Schritte eines Volkes sind. Es ist das Volk Gottes, das weiter geht. Der wahre Besitzer des Wortes ist immer das vom Heiligen Geist geführte Volk Gottes, und die Inspiration ist ein komplexer Prozeß: Der Heilige Geist führt, das Volk empfängt.

Es ist also der Weg eines Volkes, des Gottesvolkes. Die Heilige Schrift muß immer richtig gelesen werden. Das kann aber nur geschehen, wenn wir innerhalb dieses Subjekts auf dem Weg sind, das das Volk Gottes ist, das lebt, das von Christus erneuert, neu gegründet wird, aber immer seine Identität beibehält.

Ich würde daher sagen, es gibt drei Dimensionen, die untereinander in Beziehung stehen. Die historische Dimension, die christologische Dimension und die ekklesiologische Dimension – des auf dem Weg befindlichen Volkes – durchdringen sich gegenseitig. Vollständig ist eine Lektüre der Heiligen Schrift dann, wenn alle drei Dimensionen gegeben sind. Deshalb bleibt die Liturgie – die gemeinsame, betende Lesung durch das Volk Gottes – der bevorzugte Ort für das Verständnis des Wortes; dies auch deshalb, weil hier die Lektüre zum Gebet wird und sich mit dem Gebet Christi im Eucharistischen Hochgebet vereint.

Ich möchte noch eine Sache hinzufügen, die alle Kirchenväter hervorgehoben haben. Dabei denke ich vor allem an einen wunderschönen Text des hl. Ephraim und an einen anderen des hl. Augustinus, in denen es heißt: Wenn du wenig verstanden hast, nimm es an, und denke nicht, du hättest alles verstanden. Das Wort ist immer viel größer als alles, was du verstehen konntest. Und das muß jetzt kritisch gegenüber einer bestimmten Richtung der modernen Exegese gesagt werden, die glaubt, alles verstanden zu haben, und daß daher nach der von ihr erarbeiteten Auslegung nichts anderes mehr gesagt werden könne. Das ist nicht wahr. Das Wort ist immer größer als die Exegese der Väter und die kritische Exegese, weil auch diese nur einen Teil, ja, ich würde sagen, einen sehr kleinen Teil versteht. Das Wort ist immer größer – das ist unser großer Trost. Und es ist einerseits schön zu wissen, daß man nur ein klein wenig verstanden hat. Es ist schön zu wissen, daß es noch einen unerschöpflichen Schatz gibt und daß jede neue Generation wieder neue Schätze entdecken und weitergehen wird mit der Größe des Wortes Gottes, das uns immer voraus ist, uns leitet und immer größer ist. Mit diesem Bewußtsein muß man die Heilige Schrift lesen.

Der hl. Augustinus hat gesagt: Aus der Quelle trinkt der Hase und trinkt der Esel. Der Esel trinkt mehr, aber jeder trinkt entsprechend seiner Fähigkeit. Ob wir nun Hasen oder Esel sind, wir sind dankbar, daß der Herr uns von seinem Wasser trinken läßt.

 

Prof. Dr.Achim Buckenmaier © Libreria Editrice Romana

 

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