Home Theologie Schülerkreis Stiftung Projekte Spenden Neue Schüler  Bücher Links/Texte Kontakt

Aus dem Werk

Zum Priesterjahr 2009/2010
Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Thema 1:
Liturgie - Ars celebrandi

Thema 2: Afrika

Thema 3: Pfarrer sein heute – mit viel Arbeit. Wie kann das gehen?

Thema 4: Heilige Schrift und Exegese

Thema 5: Jugendliche – Anthropologie

Thema 6:
Zweites Vaticanum

Thema 7: Priester sein – glaubend, mit Grenzen,
in Gemeinschaft

Thema 8:
Krankheit und Leiden

Thema 9: Gewissen

Thema 10:
Was ist Pastoral?

Zum Priesterjahr 2009/2010

Papst Benedikt XVI. antwortet Priestern

Aus Antworten, die Papst Benedikt XVI. während einiger Treffen mit Priestern, Diakonen und Seminaristen auf aktuelle Fragen gegeben hat

Thema 3: Pfarrer sein heute – mit viel Arbeit. Wie kann das gehen?

Immer wieder wird Papst Benedikt XVI. bei den Treffen mit Priestern auf die konkreten Probleme der Pfarrer heute angesprochen. Oft wird die große Arbeitsbelastung zur Sprache gebracht.  Beim Treffen mit dem Klerus der Diözesen Belluno-Feltre und Treviso am 24. Juli 2007 in der Kirche Santa Giustina Martire in Auronzo di Cadore in den Dolomiten wurde der Papst u. a. gefragt:

Ich bin Don Mauro. Heiligkeit, in unserem Pastoraldienst sind wir durch die vielen Verpflichtungen einer immer stärkeren Belastung ausgesetzt. Die Aufgaben, die mit der Verwaltung der Pfarreien und der Organisation der Pastoral sowie mit der Unterstützung von Menschen in Not verbunden sind, werden immer mehr. Ich frage Sie: An welchen Prioritäten soll sich heute unser Dienst als Priester und Pfarrer ausrichten, um einerseits die Bruchstückhaftigkeit und andererseits die Zersplitterung zu vermeiden? Danke.

Papst Benedikt antwortet darauf:

Das ist wirklich eine sehr realistische Frage. Auch ich kenne dieses Problem ein wenig – jeden Tag kommen viele Unterlagen, viele Audienzen sind notwendig, es ist viel zu tun. Man muß jedoch die richtigen Prioritäten finden und darf das Wesentliche nicht vergessen: die Verkündigung des Reiches Gottes.

Als ich diese Frage hörte, kam mir der Evangeliumstext von vor zwei Wochen in den Sinn, über die Aussendung der 70 Jünger. Bei dieser ersten großen Mission, die Jesus durchführen läßt, gibt der Herr diesen 70 Jüngern drei Gebote, die, wie mir scheint, auch heute noch die großen Prioritäten der Arbeit eines Jüngers Christi, eines Priesters, wesentlich zum Ausdruck bringen. Die drei Gebote sind: betet, heilt und verkündigt.

Ich denke, daß wir das Gleichgewicht zwischen diesen drei grundlegenden Geboten finden müssen, daß wir sie uns stets vor Augen halten müssen als das Herzstück unserer Arbeit.
Betet: Ohne eine persönliche Beziehung zu Gott kann also alles übrige nicht gelingen, weil wir Gott und die göttliche Wirklichkeit und das wahre menschliche Leben nicht wirklich zu den Menschen bringen können, wenn wir selbst nicht in einer tiefen und wahren Beziehung, einer Beziehung der Freundschaft zu Gott in Christus Jesus stehen. Daher ist die tägliche Feier der heiligen Eucharistie wichtig als grundlegende Begegnung, in der der Herr mit mir spricht und ich mit dem Herrn, der sich in meine Hände gibt. Ohne das Stundengebet, durch das wir uns hineinstellen in das große Gebet des ganzen Gottesvolkes – angefangen bei den Psalmen des alten Volkes, das im Glauben der Kirche erneuert wurde –, und ohne das persönliche Gebet können wir keine guten Priester sein, sondern es geht das Wesentliche unseres Dienstes verloren.

Ein Mann Gottes zu sein, also ein Mann, der in Freundschaft zu Christus und zu seinen Heiligen steht, ist das erste Gebot. Dann kommt das zweite. Jesus hat gesagt: Heilt die Kranken, die Verlorengegangenen, diejenigen, die in Not sind. Es ist die Liebe der Kirche für die Ausgegrenzten, für die Leidenden. Auch reiche Menschen können innerlich ausgegrenzt sein und leiden. Das »Heilen« bezieht sich auf alle menschlichen Nöte, die stets Nöte sind, die in der Tiefe zu Gott hingehen.

Wir müssen also, wie es heißt, unsere Schäfchen kennen, menschliche Beziehungen haben zu den uns anvertrauten Personen, menschlichen Kontakt haben und dürfen die Menschlichkeit nicht verlieren, weil Gott Mensch geworden ist und so alle Dimensionen unseres menschlichen Seins bestätigt hat. Aber wie gesagt: das Menschliche und das Göttliche gehören stets zusammen. Zu diesem »Heilen« in seinen zahlreichen Formen gehört, wie mir scheint, auch der sakramentale Dienst.

Der Dienst der Versöhnung ist ein wunderbarer Akt des Heilens, den der Mensch braucht, um wirklich ganz gesund zu sein. Diese sakramentalen Heilungen also sind wichtig, von der Taufe, der grundlegenden Erneuerung unseres Daseins, bis hin zum Sakrament der Versöhnung und zur Krankensalbung. Natürlich besitzen alle anderen Sakramente, auch die Eucharistie, einen großen seelsorglichen Aspekt. Wir müssen den Leib heilen, vor allem aber – das ist unsere Sendung – die Seele. Wir müssen an die vielen Krankheiten denken, an die moralischen und geistlichen Nöte, die es heute gibt und denen wir gegenübertreten müssen, indem wir die Menschen zur Begegnung mit Christus im Sakrament führen und ihnen helfen, das Gebet und die Betrachtung zu entdecken, das stille Verharren in der Kirche in Gottes Gegenwart.

Und dann: verkündigen. Was verkündigen wir? Wir verkündigen das Reich Gottes. Aber das Reich Gottes ist keine ferne Utopie einer besseren Welt, die vielleicht in 50 Jahren oder wer weiß wann Wirklichkeit sein wird. Das Reich Gottes ist Gott selbst – Gott, der zu uns gekommen und der uns in Christus sehr nahe ist. Das ist das Reich Gottes: Gott selbst ist nahe, und wir müssen uns diesem Gott nähern, der nahe ist, weil er Mensch geworden ist, Mensch bleibt und stets bei uns ist in seinem Wort, in der heiligen Eucharistie und in allen Gläubigen. Das Reich Gottes verkündigen heißt daher, heute von Gott zu sprechen, das Wort Gottes, das Evangelium, das Gegenwart Gottes ist, gegenwärtig zu machen, und natürlich Gott gegenwärtig zu machen, der in der heiligen Eucharistie gegenwärtig geworden ist.

Durch die Verknüpfung dieser drei Prioritäten und natürlich unter Berücksichtigung aller menschlichen Aspekte, unserer Grenzen, die wir erkennen müssen, können wir unser Priestertum gut verwirklichen. Auch die Demut ist wichtig, die die Grenzen unserer Kräfte erkennt. Was wir nicht tun können, das muß der Herr tun. Und wichtig ist auch die Fähigkeit, Aufgaben an andere zu übertragen, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit – all dies stets unter Beachtung der grundlegenden Gebote: beten, heilen und verkündigen.

Am 6. August 2008 traf sich der Hl. Vater während seiner Ferien mit Priestern, Diakonen und Seminaristen aus Südtirol. Ein Priester stellte folgende Frage:

Heiliger Vater, ich heiße Franz Pixner und bin Pfarrer in zwei großen Pfarreien. lch selber und viele Mitbrüder und auch Laien machen uns Gedanken über die zunehmenden Belastungen in der Seelsorge, etwa durch die Seelsorgeeinheiten, die nun gebildet werden: starker Arbeitsdruck, mangelnde Anerkennung, Schwierigkeiten mit dem Lehramt, Einsamkeit, Schrumpfen der Zahl der Priester, aber auch der gläubigen Gemeinden. Viele stellen sich die Frage, was Gott von uns in dieser Situation will und wie uns der Heilige Geist Mut machen will. Dabei werden dann Fragen geäußert zum Zölibat zum Beispiel, zur Weihe von viri probati zu Priestern, zur Einbindung der Charismen, besonders auch der Charismen der Frauen, in die Pastoral, zur Beauftragung von theologisch gebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Predigt und Taufe. Es stellt sich auch die Frage, wie wir Priester angesichts der neuen Herausforderungen einander in einer brüderlichen Gemeinschaft helfen können, und zwar auf den verschiedenen Ebenen von Diözese, Dekanat, Seelsorgeeinheit und Pfarrei. Wir bitten Sie, Heiliger Vater, uns guten Rat zu geben in all diesen Fragen. Danke!

Papst Benedikt gab zur Antwort:

Lieber Herr Dekan, Sie haben das ganze Bündel von Fragen aufgeblättert, das die Seelsorger und uns alle in dieser Zeit bedrängt und beschäftigt, und Sie wissen sicher, daß ich nicht imstande bin, jetzt auf alles das eine Antwort zu geben. Sie werden ja immer wieder auch mit Ihrem Bischof all dieses bedenken, und wir wiederum in den Bischofssynoden bedenken es miteinander. Wir alle brauchen, glaube ich, diesen Dialog miteinander, den Dialog des Glaubens und der Verantwortung, um den rechten Weg in dieser in vieler Hinsicht für den Glauben schwierigen und für die Priester mühseligen Zeit zu finden. Keiner hat einfach das fertige Rezept, wir alle mühen uns miteinander.

Mit diesem Vorbehalt, daß ich mit Ihnen allen zusammen mitten in diesem Prozeß des Mühens und Ringens stehe, versuche ich, ein paar Worte zu sagen, eben als Stück eines viel größeren Dialogs.

Ich würde zwei wesentliche Teile in meiner Antwort gerne sehen wollen: Einerseits die Unersetzlichkeit des Priesters, Bedeutung und Weise des priesterlichen Dienstes heute; andererseits – was uns heute mehr aufgeht als früher – die Vielheit der Charismen und daß alle miteinander Kirche sind, Kirche bauen, und daß wir darum uns um das Wecken der Charismen, um dieses lebendige Miteinander mühen müssen, das dann auch den Priester trägt. Er trägt die anderen, sie tragen ihn, und nur in diesem vielschichtigen und vielfältigen Miteinander kann Kirche heute und in die Zukunft hineinwachsen.

Zum einen wird es immer des Priesters bedürfen, der ganz für den Herrn und daher ganz für den Menschen da ist. Es gibt im Alten Testament den "Ruf" zur Heiligung, der etwa dem entspricht, was wir mit Weihe, auch mit Priesterweihe sagen: Etwas wird Gott übergeben und aus der Sphäre des Allgemeinen herausgenommen, Ihm gegeben. Aber das heißt dann, daß es nun für alle da ist. Weil es herausgenommen ist und Gott gegeben, gerade darum ist es nun nicht isoliert, sondern es ist in das "Für", „Für alle“ hineingehoben. Das, glaube ich, können wir auch vom Priestertum der Kirche sagen. Es bedeutet, daß wir einerseits dem Herrn übereignet, aus dem Allgemeinen herausgenommen werden, aber andererseits Ihm übereignet werden, damit wir so ganz Ihm und dadurch ganz den anderen gehören. Und ich denke, gerade den jungen Menschen, die ja Idealismus haben und etwas fürs Ganze tun wollen, sollten wir immer wieder zu zeigen versuchen, daß gerade diese "Enteignung aus dem Allgemeinen" heraus "Übereignung ans Ganze" ist und daß dies eine große, die größte Weise ist, einander zu dienen. Und dazu gehört eben dann auch dieses wirklich mit der Ganzheit des Seins für den Herrn zur Verfügung zu sein und so ganz für die Menschen zur Verfügung zu sein. Ich denke, der Zölibat ist ein fundamentaler Ausdruck dieser Totalität, schon dadurch ein großes Rufzeichen in dieser Welt, weil er nur Sinn hat, wenn wir wirklich an das ewige Leben glauben und daran, daß Gott uns beansprucht und wir für Ihn da sein können.

Priestertum ist also deswegen unersetzlich, weil es in der Eucharistie immer wieder vom Herrn her Kirche erschafft, im Bußsakrament uns immer wieder die Reinigungen vermittelt, eben im Sakrament ein Hineingenommensein in das "Für" Jesu Christi ist. Aber ich weiß, wie schwer es ist, heute – wo dann einer nicht mehr eine Pfarrei hat, die überschaubar war, sondern mehrere Pfarreien, Seelsorgeeinheiten, für diesen Rat da sein muß und für jenen und so weiter… – nun ein solches Leben zu leben. Ich glaube, daß in dieser Situation der Mut zur Beschränkung und die Klarheit der Prioritäten wichtig ist. Eine grundlegende Priorität der priesterlichen Existenz ist, das Sein mit dem Herrn und daher eine Zeit des Gebetes zu haben. Der heilige Karl Borromäus hat immer gesagt: "Du kannst nicht für die Seelen der anderen sorgen, wenn du die deinige verkümmern lässt. Dann sorgst du am Schluß auch für die anderen nicht mehr. Du mußt auch Zeit für dich mit Gott haben". Und so möchte ich betonen: So viel auch herandrängt, es ist eine wirkliche Priorität, jeden Tag – ich würde sagen – doch eine Stunde lang Zeit zu haben zur Stille für den Herrn und mit dem Herrn, wie es uns die Kirche mit dem Brevier, mit den Gebeten des Tages anbietet, um so von innen her immer wieder reich zu werden, immer wieder eben – wie ich in der Antwort auf die erste Frage sagte – in den Atemraum des Heiligen Geistes zu kommen. Und von da aus sind dann die Prioritäten zu ordnen: Ich muß sehen lernen, was wirklich ganz wesentlich ist, wo ich als Priester unersetzlich gefordert bin und es niemand anderem übertragen kann. Und zugleich muß ich eben in Demut annehmen, daß ich vieles, was ich eigentlich tun sollte, wo man eigentlich mich erwarten würde, nun eben doch nicht tun kann, weil ich meine Grenze anerkenne. Ich glaube, diese Demut wird dann von den Menschen auch verstanden.

Und damit muß ich dann eben dieses andere verbinden: delegieren zu können, Menschen in die Mitarbeit hineinzurufen. Mein Eindruck ist, daß die Menschen das auch sehen und daß sie gerade das anerkennen, wenn ein Priester bei Gott ist, wenn er die Funktion wahrnimmt, der Beter für die anderen zu sein: Wir können nicht viel beten, sagen sie, du mußt es für mich tun; es ist ja auch sozusagen dein Metier, unser Beter zu sein. Sie wollen einen Priester, der sich redlich müht, mit dem Herrn zu leben, und dann wirklich für die Menschen da ist – für die Leidenden, die Sterbenden, die Kinder, die Jugendlichen (das, würde ich sagen, sind Prioritäten) – der dann aber auch weiß, was andere besser können als er selbst und diesen Charismen Raum gibt. Ich denke da an die Bewegungen und an vielfältige andere Formen der Mitarbeit in der Pfarrei. In der Diözese selber wird das ja alles auch miteinander bedacht, die Formen geschaffen und der Austausch gefördert. Sie haben mit Recht gesagt, daß es dabei eben wichtig ist, über die Pfarrei hinauszublicken in die Gemeinschaft der Diözese, ja in die Gemeinschaft der Weltkirche hinein, die dann wiederum ihrerseits immer wieder zurückschauen muß, um zu sehen, wie es konkret in der Pfarrei zugeht und welche Konsequenzen sich für den einzelnen Priester ergeben.

Dann haben Sie noch einen Punkt angesprochen, der mit sehr wichtig ist, daß nämlich die Priester, obwohl sie geographisch – sozusagen – vielleicht weiter auseinander leben, eine wirkliche Gemeinschaft von Brüdern sind, die einander tragen und helfen sollen. Dieses Miteinander der Priester ist heute wichtiger denn je. Eben um nicht in die Isolierung, in die Einsamkeit und ihre Traurigkeiten zu verfallen, ist es wichtig, daß wir einander regelmäßig treffen können. Da wird die Diözese sehen, wie priesterliche Begegnungen am besten zu verwirklichen sind – heute gibt’s ja das Auto, wodurch wir auch leichter zueinander kommen können –, damit wir jedenfalls immer wieder das Miteinander erfahren, voneinander lernen, einander korrigieren und einander auch helfen, stärken und trösten, damit wir in dieser Gemeinschaft des Presbyteriums mit dem Bischof zusammen den Dienst an der Ortskirche tun. Eben: Kein Priester ist Priester allein, wir sind Presbyterium, und nur in diesem Miteinander mit dem Bischof kann jeder seinen Dienst tun. Dieses sozusagen theologisch von allen anerkannte schöne Miteinander muß dann aber eben auch praktisch werden in den Formen, die die Ortskirche findet. Und es muß sich ausweiten, indem auch kein Bischof Bischof alleine ist, sondern nur Bischof im Kollegium, in dem großen Miteinander der Bischöfe. Um dieses Miteinander wollen wir uns immer wieder mühen. Und ich meine, es ist das Schöne am Katholischen, daß wir gerade auch durch den Primat, der ja nicht eine absolute Monarchie, sondern ein Dienst des Miteinander ist, uns dieser Gemeinsamkeit gewiß sein dürfen, so daß wir in einer großen, vielstimmigen Gemeinschaft doch alle miteinander sozusagen die große Musik des Glaubens in dieser Welt zur Geltung bringen.

Bitten wir den Herrn, daß er uns immer wieder tröstet, wenn wir meinen, es geht nicht mehr; tragen wir einander, und dann wird der Herr uns auch helfen, miteinander die Wege zu finden.

Prof. Dr. Achim Buckenmaier © Libreria Editrice Romana

 

nach oben

 

 

            Archiv Impressum Kontakt