Benedikt XVI.: Ich möchte hier besonders unterstreichen, was Sie darüber gesagt haben, daß die Pastoral niemals eine bloße Strategie, eine Verwaltungsarbeit sein dürfe, sondern immer eine geistliche Arbeit bleiben müsse. Sicher kann auch das andere nicht völlig fehlen, weil wir auf dieser Erde leben und es eben auch diese Probleme gibt, z. B. wie die Gelder richtig verwaltet werden sollen und dergleichen mehr. Auch das ist ein Bereich, der nicht völlig ausgeklammert werden kann. Aber der Grundakzent muß eben der sein, daß Hirt oder Seelsorger zu sein an sich ein geistlicher Akt ist.
Sie haben mit Recht auf das Johannesevangelium, Kapitel 10, hingewiesen, wo der Herr sich als den guten Hirten bezeichnet. Und als ersten endgültigen Moment sagt Jesus, daß der Hirt vorausgeht. Das heißt, er zeigt den Weg, er tut als erster das, was die anderen tun sollen; er schlägt zuerst den Weg ein, der dann der Weg für die anderen ist. Der Hirt geht voraus. Das heißt, er selbst lebt vor allem das Wort Gottes: Er ist ein Mann des Gebets, ein Mann der Vergebung, ein Mann, der empfängt und die Sakramente als Akte des Gebets und der Begegnung mit dem Herrn feiert. Er ist ein Mann der gelebten und verwirklichten Liebe. Und so werden alle anderen einfachen Handlungen, wie Gespräche, Begegnungen und alles, was eben getan werden muß, zu geistlichen Handlungen in Gemeinschaft mit Christus. Sein »pro omnibus«, »für alle«, wird zu unserem »pro meis«, »für die Meinen«.
Er geht also voraus, und in diesem Vorausgehen ist, wie mir scheint, schon das Wesentliche gesagt. Im 10. Kapitel bei Johannes heißt es dann weiter, daß Jesus uns vorausgeht und sich selbst am Kreuz hingibt. Und das ist auch für den Priester unvermeidlich. Dieses Sich-selbst-Hingeben ist auch eine Teilhabe am Kreuz Christi, und dank dessen können auch wir in glaubwürdiger Weise die Leidenden trösten, auf der Seite der Armen, der Ausgegrenzten usw. stehen.
In diesem Programm, das Sie entwickelt haben, ist daher die Vergeistigung der täglichen Seelsorgearbeit von grundlegender Bedeutung. Das ist leichter gesagt als getan, aber wir müssen es versuchen. Und um unsere Arbeit vergeistigen zu können, müssen wir wiederum dem Herrn folgen. Die Evangelien sagen uns, daß er am Tag arbeitete und des Nachts auf dem Berg mit dem Vater war und betete. Ich muß hier meine Schwäche eingestehen: In der Nacht kann ich nicht beten, da möchte ich schlafen. Aber dennoch muß man ein wenig freie Zeit für den Herrn haben: Das schließt die Feier der Messe sowie das Stundengebet und die anschließende tägliche Betrachtung, auch wenn sie kurz ist, ebenso ein wie den Rosenkranz. Aber dieses persönliche Gespräch mit dem Wort Gottes ist wichtig. Nur auf diese Weise können wir die nötigen Reserven erhalten, um den Anforderungen des Lebens als Seelsorger zu entsprechen.
(…) Die Kirche ist keine übernationale Organisation, keine Verwaltungs- oder Machtkörperschaft, keine Sozialagentur – auch wenn sie soziale und übernationale Arbeit leistet –, sondern ein geistlicher Leib. Wir müssen mit dem Volk Gottes beten, mit dem Volk zusammen das Wort Gottes hören, mit dem Volk Gottes die Sakramente feiern, mit Christus in der Liebe tätig sein usw. Vor allem in unseren Predigten müssen wir diese Sicht verbreiten. In diesem Sinn ist, so scheint mir, die Homilie eine wunderbare Gelegenheit, den Menschen nahe zu sein und ihnen die vom Konzil gelehrte Spiritualität zu vermitteln. Und auf diese Weise ist die Homilie, wenn sie im Gebet, im Hören des Wortes Gottes gewachsen ist, Vermittlung des Inhalts des Gotteswortes. Dann erreicht wirklich das Konzil unser Volk. |
Benedikt XVI.: Danke. Das ist eine grundlegende Frage. Die grundlegende Frage unserer Pastoralarbeit ist, wie wir der Welt, unseren Mitmenschen Gott bringen sollen. Natürlich hat dieses "Gott bringen" viele Dimensionen: Bereits in der Verkündigung, im Leben und im Tod Jesu sehen wir, wie dieser eine Gott sich in vielen Dimensionen entfaltet. Mir scheint, daß wir stets zwei Dinge im Auge behalten müssen. Auf der einen Seite ist da die christliche Verkündigung – das Christentum ist kein hochkompliziertes Bündel von Dogmen, die niemand alle kennen kann. Es ist keine Sache nur für Akademiker, die diese Dinge studieren können, sondern es ist etwas Einfaches: Es gibt einen Gott, und Gott ist nahe in Jesus Christus. So hat Jesus Christus selbst zusammenfassend gesagt: Das Reich Gottes ist gekommen. Das verkündigen wir – im Grunde etwas sehr Einfaches. Alle Dimensionen, die anschließend zutage treten, sind weitere Dimensionen dieser einen Sache, und nicht alle müssen alles kennen. Natürlich müssen sie aber in den inneren Kern, ins Wesentliche vordringen, und dann öffnen sich mit stets wachsender Freude auch die verschiedenen Dimensionen.
Aber was soll jetzt konkret getan werden? Als wir über die Pastoralarbeit in der heutigen Zeit gesprochen haben, haben wir, so scheint mir, bereits die wesentlichen Punkte berührt. Aber um in diesem Sinne fortzufahren: Um den Menschen Gott zu bringen, bedarf es vor allem einerseits der Liebe und andererseits der Hoffnung und des Glaubens. Die Dimension des konkreten Lebens: Das beste Zeugnis für Christus, die beste Verkündigung ist stets das Leben wahrer Christen. |